top of page

SaaS ist tot. Es lebe Service as a Software!

vor 10 Minuten
4 Min. Lesezeit

Zwei Jahrzehnte lang war das Software-Abonnement das verlässlichste Geschäftsmodell der Technologiebranche. Künstliche Intelligenz entzieht ihm nun die ökonomische Grundlage. Was folgt, ist nicht das Ende der Unternehmenssoftware, sondern ihre Rückkehr zum Maß des einzelnen Unternehmens.


Seit Monaten vertrete ich gegenüber Kunden eine These, die lange als Provokation galt: Software as a Service, das Mieten standardisierter Anwendungen aus der Cloud, wird durch Künstliche Intelligenz obsolet. Inzwischen formulieren das auch Vorstandschefs großer Konzerne und die Börse hat begonnen, es einzupreisen. Ich gehe einen Schritt weiter: Software as a Service ist bereits tot. Es lebe Service as a Software.


„SaaSpocalypse“: Ein Geschäftsmodell verliert seine Prämisse


2024 sorgte Klarna-Chef Sebastian Siemiatkowski für Aufsehen, als er die Ablösung von Salesforce und Workday ankündigte. Aber Klarna hatte die Standardsoftware nicht einfach durch KI ersetzt. Das Unternehmen hatte vielmehr seine verstreuten Daten in einem eigenen Wissensgraphen zusammengeführt und mit KI-gestützten Programmierwerkzeugen in kurzer Zeit eigene Oberflächen darauf gebaut.


Seit Anfang 2026 nimmt der Kapitalmarkt diese Möglichkeit ernst. Händler bei Jefferies prägten das Wort von der „SaaSpocalypse“; der S&P-Index für Software und Dienstleistungen verlor zwischen Mitte Januar und Ende Februar rund ein Viertel seines Wertes. Bis Ende Juni lagen Adobe 27 Prozent, Salesforce 36 Prozent und Atlassian 55 Prozent im Minus.


Die Begründung ist schlicht. Das Mietmodell beruhte auf der Prämisse: Software zu entwickeln ist so teuer, dass sich nur wenige Anbieter die Kosten leisten und sie auf Tausende Kunden verteilen. Der Kunde passt seine Prozesse der Software an, nicht umgekehrt. Wird das Entwickeln billig, fällt diese Prämisse aber.


Erst Adobe, dann Microsoft Office


Wie weit diese Prämisse schon erodiert ist, zeigte Anfang Oktober ein Projekt aus Kalifornien. Der Entwickler Brandon Thomas veröffentlichte unter dem Namen ArtCraft quelloffene Nachbauten von sieben Adobe-Anwendungen, darunter Photoshop, Illustrator, Premiere, Lightroom und Acrobat Pro. Geschrieben hat sie im Wesentlichen das KI-Modell Claude Opus 5.5, das mit rund acht parallel arbeitenden Agenten etwa eine Woche benötigte.


Die Programme übernehmen bewusst Adobes Menüs, Paletten und Tastenkürzel; wer Photoshop beherrscht, findet sich sofort zurecht. Binnen acht Tagen sammelten die Projekte auf der Entwicklerplattform GitHub zusammen mehr als 42.000 Sterne.


Wenige Tage später nahm sich dieselbe Entwicklergruppe unter ihrem GitHub-Konto storytold das wichtigste Werkzeug der Büroarbeit vor. WordCraft, GridCraft und DeckCraft bilden Word, Excel und PowerPoint nach. Damit trifft der Ansatz nicht mehr nur Spezialwerkzeuge für Kreative, sondern die Grundausstattung nahezu jedes Büroarbeitsplatzes. Angekündigt sind zudem Nachbauten von Konstruktionssoftware wie AutoCAD.


Leuchtender KI-Kern verbindet Ps, Ai, Pr, Lr, Word, Excel, PowerPoint und PDF-Fenster.
KI-gestützte Open-Source-Programme ersetzen die etablierte SaaS Anwendungen von Photoshop und Microsoft in kreativen und produktiven Umgebungen.

Vollständig ebenbürtig sind die Programme zwar noch nicht: Veröffentlichte Funktionsquoten beruhen auf Entwicklerangaben, unabhängige Tests zeigen deutliche Lücken. Offen ist zudem, ob die Nachahmung der Bedienoberflächen die Rechte von Adobe und Microsoft verletzt.


Entscheidend ist etwas anderes. Was früher große Entwicklungsteams erforderte, können heute wenige Menschen mit KI-Unterstützung zumindest teilweise umsetzen. Die Kosten der Softwareherstellung fallen drastisch. Das verändert auch die Wirtschaftlichkeit individueller Unternehmensanwendungen.


Service as a Software


Daraus folgt eine Umkehrung des Geschäftsmodells. Bisher wurde Software als Dienstleistung vermietet. Künftig wird die Dienstleistung selbst zum Produkt: das Verständnis der Prozesse eines Unternehmens und ihre Übersetzung in eine Anwendung, die genau diese Prozesse abbildet. Die Software ist dann nicht mehr das Gut, das man mietet, sondern das Ergebnis eines Dienstes.


Gegenüberstellung von Standardsoftware und individueller Anwendung als SaaS/Service-as-a-Software-Diagramm.

Man stelle sich einen mittelständischen Maschinenbauer vor, der seinen Vertrieb in einem großen CRM-System organisiert. Er bezahlt Lizenzen, finanziert teure Anpassungen und nutzt doch nur einen Bruchteil der Funktionen. Seine Angebotskalkulation für Sondermaschinen passt ohnehin in keine Standardmaske.


Künftig erhält dasselbe Unternehmen binnen Wochen eine eigene Anwendung. Sie ist so leistungsfähig wie das Standardprodukt und folgt denselben Bedienkonventionen, sodass kaum Schulungsaufwand entsteht. Sie enthält aber nur die Felder, Freigabestufen und Auswertungen, die der Betrieb tatsächlich braucht, und bildet die Kalkulationslogik ab, die ihn vom Wettbewerb unterscheidet.


Im amerikanischen Wagniskapital kursiert seit einiger Zeit der verwandte Begriff „Services as Software“; gemeint sind dort meist KI-Agenten, die Dienstleistungsarbeit selbst erledigen. Mein Verständnis setzt früher an. Nicht der Agent ersetzt den Dienstleister, sondern der Dienstleister liefert mit KI maßgeschneiderte Software in industriellem Tempo.

Damit verschiebt sich die Wertschöpfung. Sie wandert von den Inhabern standardisierter Lizenzen zu denjenigen, die Geschäftsprozesse verstehen und in Code übersetzen können: interne IT-Abteilungen, Beratungshäuser, spezialisierte Entwicklungspartner. Der Wettbewerbsvorteil eines Unternehmens liegt dann nicht mehr darin, welche Software es einkauft, sondern wie präzise seine Software zu ihm passt.


Was den Etablierten bleibt


Die Einwände der Anbieter sind ernst zu nehmen. Code zu erzeugen ist billig geworden, Verantwortung für ihn zu tragen nicht. Eine eigene Anwendung muss betrieben, gewartet, gegen Angriffe gehärtet und bei jeder Gesetzesänderung angepasst werden.

In regulierten Branchen und im öffentlichen Sektor kommen Nachweispflichten hinzu: Zertifizierungen, Revisionssicherheit, Datenschutz, Berechtigungskonzepte. Benioffs Frage nach der Datenhaltung war deshalb berechtigt. Wer seine Daten nicht im Griff hat, baut mit KI lediglich schneller ein neues Durcheinander.


Daraus folgt jedoch nicht das Überleben des alten Modells, sondern seine Aufspaltung. Siemiatkowski selbst erwartet, dass wenige große Plattformen den Markt konsolidieren und zur zentralen Wissensbasis der Unternehmen werden. Die Datenhaltung, die Sicherheitsinfrastruktur und die Schnittstellen bleiben gemietete Standardware. Die Anwendungsschicht darüber, also das, womit Mitarbeiter täglich arbeiten, wird individuell.

Standardsoftware wird dort überlegen bleiben, wo ihre Skaleneffekte die Kosten senken. Wo dagegen teure Lizenzen und aufwendige Anpassungen zusammenkommen, gewinnt Individualsoftware an Attraktivität.


Was Entscheider jetzt tun sollten


Für Unternehmen stellt sich damit eine nüchterne Frage: Für welche gemietete Anwendung zahlen wir, obwohl wir nur einen Bruchteil davon nutzen und unsere Abläufe ihr unterordnen? Dort lohnt es sich, eine individuelle Lösung zu prüfen.


Die Lehre aus dem Fall Klarna lautet, mit den Daten zu beginnen, nicht mit der Oberfläche. Wer seine Datenbestände bereinigt und zusammenführt, kann darauf in kurzer Zeit passgenaue Anwendungen errichten. Betrieb und Sicherheit gehören dabei von Anfang an in die Planung, nicht in die Nachbesserung.


Die Anbieter standardisierter Software werden nicht verschwinden. Aber ihr Versprechen, dass sich jedes Unternehmen in dieselbe Schablone fügen müsse, hat seine wirtschaftliche Rechtfertigung verloren.


Software as a Service ist tot. Es lebe Service as a Software!

Kommentare


bottom of page