Ein Plädoyer für deine Zukunft als Softwareingenieur (mit KI)
- Udo Neßhöver

- vor 7 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Glaub nicht den ganzen gehypten Schrott, der aus allen vermeintlich glaubwürdigen und v.a. aus den unvermeidlich lauten, schrillen, aber meist sehr substanzlosen Kanälen auf dich einprasseln. Lass dich nicht von den Schlagzeilen einschüchtern. Die Welt braucht keine code monkeys mehr, das stimmt (ist auch ein ziemlich dröger Job). Aber sie braucht Problemlöser. Sie braucht Menschen, die Empathie für den Nutzer haben (etwas, das einer KI so fremd ist wie einem Toaster* das Konzept von Liebe).
* die seniorigen (das ist die nette Version von „alten“) Senioren unter uns sehen jetzt die flying toasters – aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
So, genug Motivations-Blabla
Die spannende Frage ist ja nicht, ob die KI Dinge kann. Das kann sie. Und zwar verdammt schnell. Die Frage ist: Wo hört das Ganze auf zu funktionieren? Schauen wir uns mal doch mal ein paar Punkte an, die uns verdeutlichen, wo die eierlegende Wollmilch-KI an ihre Grenzen stößt und einen großzügigen Griff unter die deo-losen Achseln braucht – auch wenn’s der KI-Marketingabteilung nicht wirklich schmeckt.
KI-Reality-Check: Das Problem mit der digitalen Müllhalde
Wir müssen über die Datenbasis sprechen. Die KI ist wie ein Gourmet-Koch, der seine Zutaten (auch, aber nicht nur) aus einer Mülltonne hinter einem Fast-Food-Restaurant bezieht. Sicher, er kann daraus ein 5-Gänge-Menü zaubern, das fantastisch aussieht, aber hast du mal geschaut, wo es herkommt oder was drin ist?
Mal ein paar Schlagworte zum Nachdenken:
Verifikation ist Glückssache: Die KI kennt nicht jede Quelle bzw. ihren Wert. Sie unterscheidet nicht zwischen einem brillanten Paper vom MIT und dem hingerotzten Code-Snippet eines betrunkenen Foren-Trolls aus dem Jahr 2004.
Der Echo-Effekt: Wenn KI-generierter Code zurück ins Netz fließt und die nächste KI-Generation damit trainiert wird, füttern wir das System mit seinen eigenen Fehlern. Es ist die digitale Entsprechung von Inzucht.
Kontext-Blindheit: Eine KI versteht nicht, warum eine Firma eine spezifische, vielleicht völlig unlogische (aber sehr gut funktionierende) Datenbankstruktur hat. Sie ballert einfach Standardlösungen raus.
Genau hier kommst du ins Spiel. Du bist derjenige, der den „Schrott“ erkennt. Du bist der Filter, die moralische und technische Instanz, die sagt: „Netter Versuch, ChatGPT, aber so legen wir die Produktion lahm.“
Ja, viele Firmen versuchen diesen nicht-verifizierten Trainingsdatenhaufen zu verhindern, in dem sie ihre eigenen LLMs lokal (also unten im Keller, nicht oben in der Cloud) mit verifizierbaren, eigenen Trainingsdaten aufsetzen. Aber dann hast du letztlich „nur“ das Wissen, was eh schon in der Firma ist als Basis. Damit „verkommt“ die KI zu einer zugegeben sehr schnellen Version, aus dem kompletten Wissensstand der Firma zu schöpfen. Aber das echte Wertschöpfen, also das Neuerfinden, das bleibt dann doch wieder dir (auch als Junior) vorbehalten.
Die Erlösung der Senioren: COBOL und das Märchen vom Knopfdruck
Erinnerst du dich an die armen COBOL-Entwickler? Die Jungs und Mädels, die eigentlich schon seit 1995 in Rente sein wollten, aber alle fünf Jahre mit Goldbarren aus dem Ruhestand gelockt wurden, weil die Bankensysteme sonst implodiert wären?
Die Hoffnung war: Die KI kommt und übersetzt diesen antiken Code-Salat einfach in moderne Hochsprachen wie Java oder Go. Knopfdruck, fertig, ab an den Gardasee.
By the way: Wir von der Tantive sitzen da übrigens gerade dran, sowas mit KI zu realisieren. Hab ich mich jetzt grad selbst ad absurdum geführt? Nein. Im Gegenteil: da sitzen so einige wirklich helle, humanoide Köpfe dran, um ganz genau zu definieren, wann welche KI wie und warum ran darf.
Eure Zukunft, liebe Softwareingenieure? KI schafft die ersten 80 % ...
...die restlichen 20 % sind die, in denen die echte Logik steckt – die Sonderlocken, die Hacks aus den 70ern, die keiner dokumentiert hat. Das ist ein bisschen, wie ein Marathonläufer, der wie Usain Bolt die ersten 40km rennt, um dann kurz vor der Zielgeraden über seine Schnürsenkel zu fliegen, und dann hocken bleibt, weil er zwar Laufen kann, aber eben keine Schuhe schnüren.
Gute Nachrichten, liebe Senioren, ihr könnt in Rente gehen. Aber später. Nicht jetzt. Ihr werdet vorher noch gebraucht, um den Junioren zu zeigen, wie man die KI-Übersetzungen bändigt. Und ihr Junioren? Ihr seid die neuen Dompteure. Ihr lernt nicht mehr nur, wie man Code schreibt, sondern wie man ein mächtiges, aber strohdummes Werkzeug führt. Trotz des Wortes „Intelligenz“ in KI ist es dann doch nur „künstlich“. Und jedes Werkzeug ist nur so wertvoll/sinnvoll/effektiv/nützlich/produktiv, wie Derjenige, der es benutzt.
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Das „Damoklesschwert KI“ ist in Wahrheit ein Skalpell
Es nimmt dir die langweilige, repetitive Arbeit ab, damit du dich auf die Architektur, die Kreativität und die wirklichen Rätsel konzentrieren kannst. Die Softwareentwicklung wird nicht sterben; sie wird endlich erwachsen. Also: Fang an. Lerne die Grundlagen. Verstehe, warum Dinge funktionieren, statt nur zu fragen, wie man sie promptet. Wir sehen uns in der Cloud – und keine Sorge, den Kaffee müssen wir immer noch selbst trinken. Das kann die KI nämlich auch noch nicht. Wann fängst du an, deinen ersten Bug zu produzieren, den keine KI der Welt erklären kann?
Siehst du das auch so? Antworte mir gerne, hier oder auf LinkedIn. Ich freue mich auf einen regen Austausch! (Und ja, ich habe auch ein bisschen KI genutzt, um das Ganze in eine angenehme Form zu bringen, aber der Inhalt ist dann doch von mir.)



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