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„ A jack of all trades is a master of none“ oder Entwicklerin mit Imposter Syndrom?

vor 11 Minuten
5 Min. Lesezeit

Bin ich wirklich gut genug oder ist bisher einfach noch niemandem aufgefallen, dass ich nicht alles weiß? Gerade in der Softwareentwicklung, wo ständig neue Technologien, Tools und Anforderungen dazukommen, kann dieses Gefühl ziemlich hartnäckig sein.

Angie kennt diese Selbstzweifel aus ihrem eigenen Arbeitsalltag als Entwicklerin und erzählt von ihren Erfahrungen mit dem Imposter Syndrom.


Zwei Frauen unterhalten sich auf einem grünen Sofa; eine lächelt, die andere gestikuliert vor hellem Fenster.
Zwei unserer wertvollsten Entwicklerinnen. Conny (links) und Angie (rechts). Aber wissen sie das auch?

Wer bin ich eigentlich, die Kompetenz anderer zu hinterfragen?


Als Crew Member begleiten wir Entwickler bei Tantive auch Einstellungsprozesse, spezifisch: unser technisches Interview. Zu Beginn war ich ziemlich nervös. Wer bin ich, um anderen Fragen zu ihren Kompetenzen zu stellen? Vor meinem ersten Gespräch habe ich den Kollegen, mit dem gemeinsam das Interview stattfinden sollte, entsprechend vorgewarnt: “Ich werde mich an deinen Fragen anpassen.” und “Wundere dich nicht, wenn ich erstmal etwas zurückhaltender bin.”,…


Meine Vorsicht hat sich ziemlich schnell als unnötig herausgestellt. Entgegen meiner Erwartung war ich ein aktiver Teilnehmer an diesem Gespräch. Der gegenseitige Schlagabtausch war produktiv und ich habe mich selbst mit der Menge an Fragen überrascht, die ich unbedingt stellen wollte. Am Ende musste ich mich selbst sogar zügeln, um nicht das Meeting zu sprengen. Ich war so erleichtert.


Ein anderes Bewerbungsgespräch führte ich mit einem anderen Kollegen und ich war nicht auf die schnelle Art seines Interviews vorbereitet! So viele und tiefe Fragen bei denen ich mir selbst erst einmal überlegen musste, ob und wie ich diese Fragen beantworten könnte. Am Ende war ich demotiviert. Wäre das mein Erstgespräch gewesen, hätte ich wahrscheinlich nicht überzeugt.


Bis sich auf einmal eine Stimme in meinem Hinterkopf meldete: „Natürlich hätte ich dieses Gespräch gemeistert, ich habe es sogar schon gemeistert!“ Denn, ich habe bereits auf der anderen Seite dieses Gesprächs gestanden, auf der Seite des Interviewten. Mit demselben Kollegen als Interviewer. Ich habe mich für diese Position bereits bewiesen. Wie kommt es also, dass ich mir einrede, dieses Gespräch nicht professionell meistern zu können, obwohl ich das doch bereits erfolgreich getan habe?


Selbstzweifel trotz Kompetenz: das Imposter Syndrom


Auf solche Widersprüche treffe ich jeden Tag. Bei jeder Gelegenheit stelle ich meine Kompetenzen und Fähigkeiten in Frage, während ich aktiv das Gegenteil lebe. Woher kommt diese verzerrte Wahrnehmung? Früher hatte ich kein Namen für dieses Gefühl. Heute weiß ich, dass das ein Musterbeispiel für das „Imposter Syndrom“ ist. Aka: Eigene Erfolge anzweifeln und sich selbst für einen „Betrüger“ oder „Hochstapler“ halten, obwohl man objektiv kompetent und erfolgreich ist.


Immer wieder hatte ich Angst, Fragen zu beantworten, auch wenn sie genau im Feld meiner Expertise lagen. Immer wieder spiele ich Erfolge runter, argumentiere, dass Leistungen nicht nennenswert wären. Und immer wieder frage ich mich: “Wieso sind alle Entwickler so kompetent, nur ich nicht?”


Wenn euch diese Gedanken bekannt vor kommen, seid ihr nicht so alleine wie ihr vielleicht denkt. Die meisten Menschen spüren die Selbstzweifel und die Angst, als „Hochstapler“ entlarvt zu werden, mindestens einmal im Laufe ihrer akademischen oder beruflichen Laufbahn.


Ich habe erst vor kurzem den Mut gefunden, offener mit dieser Thematik umzugehen und war überrascht auf wie viel Verständnis ich damit stoße. Kollegen, die ich für ihre Arbeit sehr respektiere, erzählten mir es ginge ihnen genauso. Aber wie kommt es, dass das keine unbekanntes Phänomen ist?


Fullstack, DevOps, Cloud! Und was soll ich noch alles können?


Wir wissen alle wie schnelllebig die Softwareentwicklung ist. Ständig gibt es neue Trends, neue Tools, neue Frameworks. Die eine Lösung, die auf einmal alle brauchen: Cloud, Microservices, Spring Boot oder doch lieber Quarkus? Angular, React,…? Wir suchen Fullstack Entwickler! Alles kennen, alles wissen, alles umsetzen! So fühlt es sich manchmal an.


Und so rutscht man von den naiven Junior Entwickler, der eigentlich nur seine Java Applikationen sauber programmieren möchte, in die Rolle des Senior Entwicklers der von einem Frontend Ticket schnell ablassen muss um einen Bug in der CI/CD Pipeline zu fixen.

Was ich damit sagen will: Wir müssen uns mit enorm vielen Bereichen auseinandersetzen. Auch mit Bereichen die uns weniger liegen (looking at you DevOps). Und jeder dieser Bereiche entwickelt sich permanent weiter. Und ich muss mir immer wieder vor Augen halten dass ich kein Experte in jedem dieser Bereiche sein kann. Oder in meinem Fall wohl eher Expertin.


Imposter Syndrom als Entwicklerin: Muss ich mich als Frau noch mehr beweisen?


Denn, ich kann wohl nicht über meine Erfahrungen in der Software Entwicklung berichten, ohne die Rolle meines Geschlechts anzuerkennen, vor allem im Kontext des Imposter Syndroms. Sicherlich spielt mit rein, dass ich meine mich als Frau stärker beweisen zu müssen. Oder die Angst, dass andere an mich keine Erwartungen haben, weil ich eine Frau bin. Bin ich vielleicht nur noch nicht aufgeflogen, weil ich “für eine Frau” gut entwickle? Ist es egal ob ich “gut” oder “schlecht” in meinem Job bin, weil ich es “für eine Frau” ja weit geschafft habe? Das generiert in mir den Druck besser sein zu müssen, bloß immer die richtige Antwort zu liefern. Sonst würde ich am Ende nur potentielle Vorurteile bestätigen. Das ist natürlich rational betrachtet Schwachsinn. Wir Frauen dürfen genauso Fehler machen wie Männer, sonst hätten wir auch keine Möglichkeit zu wachsen.


„Fake it till you make it!“ Ernsthaft?


Redet miteinander! Erst so hab ich realisiert wie verbreitet dieses Gefühl ist. Wie viele sich wie ein “master of none” fühlen. Ein ehemaliger Kollege, den ich beruflich und menschlich sehr wertschätze, gab mir den Tipp: “Fake it till you make it!”. So ein banaler Spruch, den ich bereits hunderte Male gehört habe und immer als „nicht besonders hilfreich“ empfunden hatte. Aber, doch, es ist ein hilfreicher Ansatz! Natürlich fake ich keine Inhalte, das ist nicht der Sinn der Aussage. Aber ich fake, wie sicher ich mich fühle, wie sehr ich hinter meinen Antworten stehe. Kein “Ist das so verständlich?” oder “Fällt es auf, dass ich mich nicht perfekt auskenne?”. Ich antworte einfach, als wüsste ich dass das genau die richtige Antwort ist.


Und siehe da, ich bekomme kein „Du hast doch keine Ahnung!” zu hören. Stattdessen entsteht ein produktiver Austausch, weil ich gleichzeitig die echte, nicht gespielte Selbstsicherheit bekomme, hinter meinen Fragen zu stehen. Also (und ich stelle mir vor, wie ich mich dabei selbst an den Schultern packe): Du bist gut in dem, was du tust! Nicht jede Frage ist eine Aufforderung, dich zu beweisen. It's not that serious!


„A jack of all trades is a master of none, but oftentimes better than a master of one.”

Vielleicht muss ich also gar nicht aufhören, ein „jack of all trades“ zu sein. Vielleicht muss ich nur aufhören, „master of none“ als Vorwurf zu verstehen. Gerade in der Softwareentwicklung kann ich nicht jedes Framework, jede Pipeline und jede Technologie bis ins letzte Detail beherrschen. Aber ich kann genug verstehen, um mich in neue Themen einzuarbeiten, Zusammenhänge zu erkennen, Fragen zu stellen und gemeinsam mit anderen Lösungen zu finden. Vielleicht muss ich gar nicht überall die Expertin im Raum sein, um gut in dem zu sein, was ich tue!


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